Ich liebe das Skifahren; wenn man mit einer unglaublichen Geschwindigkeit einen Berg hinuntersaust, rings um einen herum spritzt der weiße Schnee hoch, und man fühlt sich fast so, als ob man fliegen könnte. Es ist wie ein Rausch. Deshalb vergeht bei mir kein Winter, wo ich nicht wenigstens einmal für ein paar Tage in den Skiurlaub fahre. Schlimm genug, dass ich in einer Region wohne, wo das Skifahren nur an wenigen ganz seltenen Tagen im Winter möglich ist; wenn ich meinen Skiurlaub nicht hätte, müsste ich das ganze Jahr aufs Skifahren verzichten. Normalerweise fahre ich alleine weg; meine Frau kann mit Schnee und Skiern überhaupt nichts anfangen. Sie hasst die Kälte, sie kann nicht Skifahren – und unter den Umständen wäre ein Skiurlaub für sie relativ witzlos. Anfangs hatte sie ja Angst, dass ich sie beim Après-Ski mit einem hübschen Skihaserl betrügen könnte, aber irgendwann hat sie es kapiert, ich will keinen Seitensprung Sex, ich will Skifahren.
Auch wenn diese beiden Dinge mehr miteinander gemein haben als nur den Anfangsbuchstaben S – bei beidem kann man richtig in einen ekstatischen Rausch geraten, und zwar ganz ohne Alkohol und Drogen. Nachdem dann einmal klar war, ich werde nicht fremdgehen, hat meine Frau mich auch jedes Jahr ohne Protest in die Berge zum Skifahren ziehen lassen. Es ist ja nun auch so, in einer langen Ehe hat man sich irgendwann aneinander übergesehen; und zumal nach Weihnachten, wo man ja ständig aufeinander hockt und wo dann auch noch die ganze Verwandtschaft dazukommt, waren wir beide eigentlich sogar immer ganz froh, mal Urlaub voneinander machen zu können. Dieses Jahr war es nur etwas anders. Bisher war ich eigentlich immer alleine gefahren. Es ging mir ja eben nicht darum, im Urlaub vielleicht erotische Kontakte zu finden oder auch nur freundschaftliche – ich wollte eigentlich immer nur dieser anderen Leidenschaft nachgehen, die Berge auf meinen Skiern bezwingen. Allerdings hatte ich meinen Freunden soviel vom Skifahren vorgeschwärmt, dass zwei von ihnen mich dieses Jahr begleiten wollten. Beide waren früher mal Ski gefahren, hatten aber schon jahrelang keine Piste mehr gesehen. Im Grunde passte mir das gar nicht, bedeutete es doch, ich würde auf meine Fortgeschrittenen-Pisten verzichten müssen und mich ihrem langsameren Tempo anpassen, weil sie eben schon so lange keine Übung mehr auf Skiern hatten.
Andererseits war es auch ganz nett zu wissen, dass ich abends, von der Kälte draußen, einem Bier und ein, zwei Schnaps vielleicht auch innerlich gründlich durchgewärmt und mit diesem angenehmen Schmerz eines nicht zu dollen Muskelkaters in allen Gliedern nach der sportlichen Anstrengung, nette Gesellschaft haben würde. Ich bin kein Mensch, der sich leicht auf neue Kontakte einlässt, ich gehe nicht unbedingt auf andere zu, schon gar nicht, wenn es total Fremde sind, und so hatte ich die Abende, den „Après-Ski“, bisher meistens allein irgendwo in einem Stübchen mit Kaminfeuer verbracht, bis ich nach dem ebenso angenehmen wie ermüdenden Tagwerk die nötige Bettschwere hatte. Sich da abends noch mit Leuten, die ich kannte, gut unterhalten zu können, erschien mir als eine erfreuliche Abwechslung. Auch wenn ich in Bezug auf private Kontakte eher schüchtern bin – es ist nun nicht so, dass ich am liebsten alleine bin. Ich habe schon gerne Gesellschaft. Allerdings hatte ich nicht geahnt, wozu gerade diese spezielle Gesellschaft von Horst und Michael führen würde. Nicht nur, dass ich mich tagsüber bei meinen Skitouren auf ein ganz anderes Leistungsniveau herabbegeben musste, weil die beiden sonst nicht hätten mithalten können – auch abends hatten sie ganz andere Vorstellungen davon, wie man den Tag ausklingen lassen sollte. Statt gemütlich in dem kleinen Hotel, in dem wir alle untergebracht waren, an der Bar noch etwas zu trinken und in der Männerrunde zu quatschen, wollten sie „etwas erleben“; mit anderen Worten, ein paar Mädels aufreißen. Sie hatten auch schon von einem Angestellten im Hotel den richtigen Tipp bekommen, wo denn abends hier so richtig was los war. Das war mal wieder typisch – ich kam schon jahrelang hierher und hatte nicht die geringste Ahnung, wo man abends hingehen konnte, und die beiden fanden das schon am Tag ihrer Ankunft heraus. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust mitzugehen; aber mich alleine aufs Zimmer zurückzuziehen, wo ich doch mit Horst und Michael hier war, das wäre mir nun doch pervers vorgekommen, also ließ ich mich notgedrungen mitschleppen.
Anfangs war alles noch ganz harmlos. In dem Lokal herrschte zwar ein ziemlicher Trubel, aber meine beiden Freunde stürzten sich noch nicht gleich ins Getümmel, sondern wir nahmen zu dritt einen Tisch am Rand, bestellten uns etwas zu trinken und sahen uns um. Es lief leise Musik im Hintergrund, aber lauter war das Stimmengewirr der anderen Gäste. Trotzdem konnte man sich noch gut unterhalten, und das fand ich angenehm. Allerdings stellte es sich schnell heraus, dass Horst und Michael nicht unbedingt eine Unterhaltung im Sinn hatten. Kaum hatten sie damit begonnen, sich umzusehen, fingen sie auch schon an, die anwesenden Damen zu kommentieren, von denen es eine erstaunlich große Anzahl gab. Besonders eine hatte es ihnen angetan; da überschlugen sie sich geradezu an Begeisterung. Ich saß da, mit dem Rücken zum Raum und also auch zu den durchgehechelten Damen, starrte in mein mittlerweile angekommenes Bier und fragte mich, wie schnell ich mich hier verabschieden und doch in mein einsames Zimmer zurückkehren konnte. Das war mir alles schrecklich unangenehm. Horst und Michael waren ebenso verheiratet wie ich – aber das hatte sie noch nie davon abgehalten, anderen Frauen hinterher zu starren. Ich war mir nicht ganz sicher, wie weit ihre Begeisterung für fremde Ladys ging. Obwohl ich es mir nicht so recht vorstellen konnte, dass beide Erfahrungen mit dem Fremdgehen hatten und es jetzt auf ein Seitensprung Sexabenteuer ankommen lassen wollten, ausschließen konnte ich es doch nicht, und ich wünschte mich weit weg. Auf einmal machte Michael ganz komische Verrenkungen, und irgendwann brüllte er laut, beinahe quer durchs Lokal: „Hey, Süße, komm doch mal her!“ Mir war das furchtbar peinlich, dass er sich so daneben benahm. Nichts gegen private Sexkontakte, meinetwegen auch Seitensprung Kontakte – aber das fing man doch nicht so tölpelhaft an und zitierte eine Frau mit einem solchen Spruch zu sich hin! Ich war mir ganz sicher, wer auch immer die „Süße“ war, sie würde Michael einfach ignorieren. Keine Frau, die etwas auf sich hält, reagiert auf eine so plumpe Anmache.
Doch als Michaels Gesicht sich auf einmal verklärte, erkannte ich, da musste ich mich geirrt haben. Ich drehte ein wenig den Kopf – und erblickte das schönste Wesen, das ich jemals gesehen hatte, und sie kam direkt auf unseren Tisch zu! Sie hatte lange, blonde Haare, die sie offen trug und die ihr über den Norwegerpulli fielen, der, obwohl er aus ebenso grober Wolle bestand wie alle Norweger-Pullis, an ihr doch zart und elegant wirkte, trotz der lächerlichen Rentiersymbole und anderen braun-schwarzen Zeichen auf der hellen Wolle. Und keine Wolle konnte dick genug sein, das zu verbergen, was sie darunter aufzuweisen hatte! Wie zwei Hügel, nein, wie zwei gewaltige Bergmassive ragten ihre Brüste in all dem wolligen Bunt auf. Und dann erst ihre schwarze Skihose! Das heißt, es war bestimmt nicht die Skihose, die eigentlich ein ganz normales Teil war, was ihr diese erotische Ausstrahlung verlieh, sondern es waren die langen Beine, die darin steckten, und unten in einer Art Moonboots, richtig schweren, unförmigen Schneestiefeln. Ich gebe zu, wenn ich mir jetzt diese Beschreibung noch einmal durchlese, kann wahrscheinlich kein Mensch verstehen, was an dieser Frau denn so unglaublich sexy war. Man muss sie einfach gesehen haben. Ich kann nur sagen, sie wirkte auf mich, als hätte jemand mir, der ich trotz meines Unbehagens wegen des Verhaltens meiner Freunde längst in einer wohligen Wärme ohne großartig intelligente Gedanken versunken war, wie man sie nur nach einem Tag draußen im Schnee spüren kann, auf einmal einen Eimer kalten Wassers übergeschüttet. Wobei das der falsche Vergleich ist; es war ja nicht unangenehm, dieses Erwachen aus der Trägheit, so blitzschnell es auch geschah. Ja, ich war hellwach, und alles zog mich zu dieser blonden Frau hin, die immer weiter ging und irgendwann direkt neben unserem Tisch stand. Ich überlegte gar nicht, ich sprang einfach auf, und ich ignorierte es auch bewusst, dass sie überhaupt kein freundliches Gesicht machte – wahrscheinlich war sie nur gekommen, um Michael zurechtzuweisen und nicht, um sich von ihm anmachen zu lassen -, und ich verbeugte mich förmlich vor ihr. Ihre Miene zeigte Erstaunen, und noch immer lächelte sie nicht und zeigte auch sonst kein Zeichen von Freundlichkeit.